Hand aufs Herz: Wann hast du das letzte Mal die Rückseite deiner Tagescreme gelesen? Nicht das Marketing auf der Vorderseite – das, was wirklich drin steckt? Ich gebe zu, früher habe ich Cremes nach Duft und Verpackung gekauft. „Mit Bio-Aloe Vera" klang gut, also wanderte es in den Einkaufswagen. Erst als ich anfing, mich mit Hautpflege zu beschäftigen, lernte ich die INCI-Liste zu lesen – und war schockiert, was in meiner ach so natürlichen Creme alles steckte.
In diesem Artikel nehme ich dich mit auf eine Reise durch die INCI-Welt. Keine Angst – ich mache es verständlich, ohne Chemie-Doktortitel. Am Ende wirst du Cremes mit anderen Augen sehen. Versprochen.
Was ist INCI überhaupt?
INCI steht für International Nomenclature of Cosmetic Ingredients. Es ist eine weltweit einheitliche Sprache für kosmetische Inhaltsstoffe, vorgeschrieben von der EU-Kosmetikverordnung. Das bedeutet: Egal ob du in Berlin, Barcelona oder Buenos Aires eine Creme kaufst – die Inhaltsstoffe sind nach dem gleichen System deklariert.
Die Reihenfolge der INCI-Liste folgt einer einfachen Regel: Je weiter vorne ein Inhaltsstoff steht, desto mehr ist davon enthalten. Alles unter 1% darf in beliebiger Reihenfolge aufgeführt werden. Deshalb stehen Wasser und Öle meist ganz am Anfang, während ätherische Öle am Ende auftauchen.
Die häufigsten Inhaltsstoffe und was sie wirklich tun
Aqua / Water
Keine Überraschung: Die meisten Cremes bestehen zu 60–80% aus Wasser. Das ist weder gut noch schlecht – Wasser ist das günstigste Lösungsmittel und transportiert wasserlösliche Wirkstoffe. Allerdings: Ohne Konservierungsmittel würde eine wasserhaltige Creme innerhalb weniger Tage verderben.
Glycerin
Glycerin ist ein Feuchthaltemittel (Humectant) und eines der besten dazu. Es zieht Wasser aus der Luft und aus tieferen Hautschichten an die Oberfläche. Das Ergebnis: pralle, hydratisierte Haut. Glycerin kann pflanzlich (aus Kokos- oder Palmöl) oder synthetisch sein. Es ist völlig unbedenklich und in fast jeder guten Feuchtigkeitscreme enthalten.
Cetearyl Alcohol & Co.
Keine Panik – das ist kein austrocknender Alkohol. Fettalkohole wie Cetearyl Alcohol, Cetyl Alcohol oder Stearyl Alcohol sind wachsartige Substanzen, die als Emulgatoren und Konsistenzgeber dienen. Sie machen die Creme geschmeidig, helfen Öl und Wasser zu verbinden und hinterlassen ein angenehmes Hautgefühl. Pflanzlichen Ursprungs (meist aus Kokosöl gewonnen) und absolut hautfreundlich.
Caprylic/Capric Triglyceride
Ein leichtes, schnell einziehendes Öl aus Kokosöl. Es wirkt rückfettend, hinterlässt aber keinen fettigen Film. Einer meiner persönlichen Lieblinge – wenn ich diesen Inhaltsstoff sehe, weiß ich, dass die Creme wahrscheinlich gut einzieht.
Tocopherol
Vitamin E – ein starkes Antioxidans, das die Haut vor freien Radikalen schützt und gleichzeitig die Öle in der Creme vor dem Ranzigwerden bewahrt. Wenn du Tocopherol auf der Liste siehst: freu dich!
Inhaltsstoffe, bei denen ich zweimal hinschaue
Silikone (Dimethicone, Cyclomethicone & Co.)
Silikone legen einen atmungsaktiven, weichen Film auf die Haut und lassen sie wunderbar glatt erscheinen. Das Problem: Sie legen sich nur auf die Haut, pflegen aber nicht. Sie können die Poren verstopfen und verhindern, dass nachfolgende Wirkstoffe eindringen. Außerdem sind sie biologisch schwer abbaubar. Ich persönlich verzichte auf Silikone, weil ich das Gefühl habe, meine Haut „atmet" ohne besser.
PEG-Derivate (Polyethylenglykol)
Erkennbar an Endungen wie „-eth" oder dem Kürzel „PEG". Sie machen die Haut durchlässiger – nicht nur für die Wirkstoffe der Creme, sondern potenziell auch für unerwünschte Substanzen. Bei vorgeschädigter oder empfindlicher Haut können sie reizend wirken. Ich meide sie, wann immer möglich.
Parabene (Methylparaben, Propylparaben & Co.)
Parabene sind hochwirksame Konservierungsmittel. Sie standen lange in der Kritik, weil sie in Studien eine schwache hormonelle Wirkung zeigten. Die EFSA und das BfR stufen sie in den erlaubten Konzentrationen als sicher ein – trotzdem sind viele Hersteller auf Alternativen umgestiegen. Meine Meinung: Es gibt heute so viele gute parabenfreie Konservierungssysteme, dass ich Parabene nicht mehr brauche.
Mineralöle (Paraffinum Liquidum, Petrolatum)
Billo-Inhaltsstoffe aus Erdöl – günstig, pflegend, aber völlig „tot". Sie legen einen wasserundurchlässigen Film auf die Haut (okklusiv), pflegen aber nicht die Hautbarriere. Pflanzliche Öle bieten denselben Schutz plus Vitamine, Fettsäuren und Antioxidantien. Für mich eine klare Entscheidung.
Die INCI-Checkliste für den Drogeriemarkt
Hier meine persönliche Vorgehensweise, wenn ich eine neue Creme in der Hand halte:
- Wasser an erster Stelle? Normal und okay. Aber wenn die nächsten 5 Inhaltsstoffe alle mit „Sil" oder „PEG" anfangen – leg sie zurück.
- Glycerin dabei? Gutes Zeichen, deutet auf eine feuchtigkeitsspendende Formulierung hin.
- Pflanzliche Öle vor Silikonen? Sheabutter, Jojobaöl, Mandelöl sollten vor Dimethicone stehen – sonst pflegt diese Creme vor allem oberflächlich.
- Wo steht der beworbene Wirkstoff? Wenn „Bio-Granatapfelextrakt" ganz hinten nach dem Konservierer steht, ist es eine Marketing-Floskel. Die beworbenen Wirkstoffe sollten vor oder spätestens knapp nach der 1%-Marke auftauchen.
- Alkohol Denat.? Bei fettiger Haut und in Reinigungsprodukten okay, in einer Feuchtigkeitscreme für trockene Haut eher kontraproduktiv.
Beispiel: Eine Creme im INCI-Check
Ich habe hier eine x-beliebige „Natur"-Tagescreme aus der Drogerie:
Aqua, Helianthus Annuus Seed Oil, Glycerin, Cetearyl Alcohol, Glyceryl Stearate, Butyrospermum Parkii Butter, Parfum, Dimethicone, Phenoxyethanol, Aloe Barbadensis Leaf Extract, Tocopherol, Linalool, Citronellol…
Meine Analyse: Wasser und Sonnenblumenöl an der Spitze – gut. Glycerin als Feuchthaltemittel – sehr gut. Sheabutter (Butyrospermum Parkii) – prima. Aber dann: Parfum vor dem Konservierungsmittel? Das ist ungewöhnlich und bedeutet, dass diese Creme stark parfümiert ist – potenziell reizend. Dimethicone knapp über 1% – überflüssig. Aloe Vera nach dem Konservierungsmittel – reines Marketing, die Konzentration ist minimal.
Fazit: Keine schlechte Creme, aber die „Natürlichkeit" ist Augenwischerei. Eine solide Basiscreme mit gutem Marketing.
Kann man alles am INCI erkennen?
Nein, und das ist wichtig zu wissen. Das INCI verrät dir die Inhaltsstoffe, aber nicht die Qualität. Weizenkeimöl von der Tankstelle und kaltgepresstes Bio-Weizenkeimöl heißen beide „Triticum Vulgare Germ Oil". Die Herkunft, der Herstellungsprozess und der Frischegrad der Öle bleiben unsichtbar. Deshalb: INCI lesen ist ein Werkzeug, aber kein Allheilmittel. Vertraue zusätzlich auf Hersteller mit transparenter Kommunikation und nachvollziehbaren Qualitätsstandards.
Meine Top-3 INCI-Ressourcen
- Codecheck.info: App und Website, die INCI-Listen scannt und Inhaltsstoffe bewertet. Nicht perfekt, aber ein guter erster Anlaufpunkt.
- Hautschutzengel.de: Fundierte, wissenschaftlich orientierte Inhaltsstoff-Datenbank. Besonders gut für das Verständnis von Emulgatoren und Konservierern.
- INCI Decoder (incidecoder.com): International, sehr detailliert, zeigt auch die Funktion jedes Inhaltsstoffs an. Englisch, aber die Suchfunktion versteht auch INCI-Namen.
Das INCI zu lesen ist wie eine neue Sprache zu lernen – am Anfang anstrengend, aber mit jedem Mal wirst du schneller und sicherer. Und glaub mir: Das Gefühl, im Drogeriemarkt eine Creme zu finden, bei der du jeden einzelnen Inhaltsstoff verstehst und gut findest – das ist unbezahlbar. Happy Decoding! 🌿